
Dr. Regina WollersheimGesunde Kinder und Jugendliche sind das Kapital für die Zukunft unserer Gesellschaft. Deshalb kann der Beitrag, den eine gesundheitsförderliche Lebens- und Ernährungsweise zur Prävention chronischer Erkrankungen beiträgt, gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.
Die Bedeutung einer bedarfsgerechten Ernährung für die Gesundheit bzw. einer ungünstigen Ernährungsweise für die Entstehung chronischer Erkrankungen ist gut belegt. Ernährungsmitbedingte Krankheiten sind weit verbreitet und stellen einen wesentlichen Kostenfaktor im Gesundheitssystem dar. Teilweise entwickeln sich diese Krankheiten, die bisher erst im fortgeschrittenen Alter auftraten, heute schon bei Jugendlichen oder im jüngeren Erwachsenenalter. Auch orthopädische Probleme treten früher und stärker als Folge von Übergewicht und Bewegungsmangel in Erscheinung.
Bei Kindern und Jugendlichen belegen Untersuchungen außerdem eine positive Korrelation zwischen der täglich mit Fernsehen verbrachten Zeit und Übergewicht.
Die wichtigsten Ernährungsprobleme in Deutschland sind im Wesentlichen bedingt durch eine ungeeignete Auswahl und Zusammenstellung der Lebensmittel und eine unangemessene Energiezufuhr. Dabei sind Gesundheit und Genuss keine Gegensätze. Eine vielseitige Ernährung, reich an Obst und Gemüse, Fisch, Getreide und fettarmen Milchprodukten senkt deutlich das Risiko für ernährungsmitbedingte Krankheiten und schmeckt!
Bisherige Ansätze zur Verbesserung der Ernährungssituation hin zu einer gesünderen Ernährung haben die Zunahme ernährungsmitbedingter Krankheiten nicht aufhalten können. Hinsichtlich der Beurteilung von Qualität, Auswahl und Verarbeitung von Grundnahrungsmitteln hat in den Haushalten insgesamt ein deutlicher Kompetenzverlust stattgefunden. Angesichts der vielfältigen Lebensstile und Wahlmöglichkeiten, dem Wegfall von festen Strukturen und Regeln in vielen Lebensbereichen ist die aktuelle Ernährung vieler Kinder und Jugendlichen gekennzeichnet durch einen hohen Anteil von Fast oder Junk Food und Convenience-Produkten.
Daneben werden heute von fast allen Kindern und Jugendlichen aber auch nährstoffangereicherte Lebensmittel verzehrt. Die Anreicherung erfolgt dabei oft ohne ersichtliches ernährungsphysiologisches Konzept. Sogenannte "Kinderlebensmittel" werden in ihrem tatsächlichen ernährungsphysiologischen Wert den Werbeaussagen oder den daraus resultierenden Verbrauchererwartungen oft nicht gerecht. Eine Weiterentwicklung zu einem gesundheitsförderlichen Ernährungsverhalten und Lebensstil kann u. U. hierdurch zusätzlich erschwert werden.
Da sich das Ernährungsverhalten in der Regel bereits im Kindesalter ausprägt und einmal erworbene Ernährungsmuster häufig ein Leben lang beibehalten werden, kommt einer frühzeitigen Vermittlung von Wissen über Lebensmittelzusammensetzung, Speisenzubereitung und der Zusammenhänge zwischen Ernährung und Gesundheit eine besondere Bedeutung zu.
Das BMVEL ist deshalb mit einer ganzen Reihe von Programmen und Aktivitäten im Bereich Ernährungsinformation für Kinder und Jugendliche direkt oder indirekt (als Förderer) aktiv. In diesem Zusammenhang möchte ich beispielhaft "Talking Food – Wissen was auf den Tisch kommt" oder die Kampagne "Fit-Kid – Die Gesund-Essen-Aktion für Kitas" nennen. Letztere umfasst Fortbildungsveranstaltungen für Multiplikatoren, einen Beratungsservice für Mitarbeiter/-innen von Kindertagesstätten und Fortbildungen zum Thema "Sinnesschulungen für Kinder".
Darüber hinaus muss eine solide Basis des Ernährungswissens in der Schule vermittelt werden und diese über die Schulzeit kontinuierlich fortentwickelt werden. Deshalb hat Bundesministerin Künast anlässlich der letzten KMK am 7. März in Berlin mit den Kultusministern konkrete Kooperationsmöglichkeiten zwischen Bund und Ländern auf diesem wichtigen Gebiet besprochen.
In einer bundesweiten Studie wurden in der Ernährungs- und Verbraucherbildung in den Schulen Defizite deutlich. Um festzustellen, wie die Umsetzung der daraus abgeleiteten theoretischen Forderungen in der Praxis aussehen kann, fördert das BMVEL ein Modellprojekt "Reform der Ernährungs- und Verbraucherbildung in Schulen (REVIS)".
Ein weiteres Angebot war die unter der Schirmherrschaft von Bundesministerin Künast und dem Bundeselternrat am 29. März 2003 durchgeführte Lehrer-Fachtagung des Netzwerkes "Gesunde Schule" in Bonn. Hier waren Grundschullehrer/-innen eingeladen, bewährte Projekte rund um Gesundheitsförderung in Schulen kennen zu lernen und Kontakte zu knüpfen mit dem Ziel, das Gesundheitsbewußtsein der Lehrkräfte zu schulen und Ideen für eine gesunde Schule aufzuzeigen nach dem Motto "Aus der Praxis für die Praxis".
Ein am 8. Juli 2003 vom BMVEL geplanter Kongress "Kinder und Ernährung" in Berlin wird sich auf breiter Basis mit der Ernährungssituation der Kinder in Deutschland und den beeinflussenden Lebensstilfaktoren befassen unter dem Motto: "Was muss sich bei der Verpflegung von Kindern und bei der Ernährungssituation ändern, um die Ernährungssituation von Kindern in Deutschland zu verbessern?" U. a. werden vier Arbeitsgruppen auf den Feldern Familie, Kindertagesstätte/Schule, Wirtschaft (z. B. Werbung für Süßigkeiten, Kinderlebensmittel) und Kinderernährung in den Medien eingerichtet mit dem Ziel ein konkretes Maßnahmenbündel zu entwickeln.
In diesem Zusammenhang stehen auch die Auswahlkriterien für Lebensmittel auf dem Prüfstand. Eine gesunde und nachhaltige Ernährungsweise sollte auch dadurch zum Ausdruck kommen, dass möglichst regionale und saisonale Produkte bevorzugt, und auf Herkunft, Qualität, artgerechte Tierhaltung und ressourcenschonende Produktionsweise geachtet wird. Das vom BMVEL geschaffene "Bio-Siegel" erleichtert dabei dem Verbraucher die Orientierung.